Wer schon einmal vor einem alten Lager im Schraubstock stand und versucht hat, aus „6204-2RS-C3" die richtige Ersatzteilnummer zu rekonstruieren, weiß: Die Kugellager-Bezeichnung ist kein Hexenwerk, aber sie ist auch kein Selbstläufer. Jeder Buchstabe und jede Zahl hat eine Bedeutung — nur sind die Bedeutungen je nach Hersteller mal identisch, mal frustrierend unterschiedlich. Diese Seite liefert die vollständige Tabelle der Kugellager-Bezeichnungen, ergänzt um eine kompakte Erklärung des Schemas, das hinter den Kürzeln steckt.
Die große Vergleichstabelle für Nachsetzzeichen verschiedener Hersteller (FAG, SKF, NSK, NTN, Koyo, NACHI, NKE) finden Sie oben auf dieser Seite. Davor lohnt sich ein kurzer Blick darauf, wie eine Lagerbezeichnung überhaupt aufgebaut ist — sonst sucht man in der Tabelle nach dem falschen Teil.
So liest man eine Kugellager Bezeichnung
Die Bezeichnung eines Wälzlagers folgt einem genormten Schema, festgelegt unter anderem in DIN 623 Teil 1 und ISO 15. Das klingt formal, ist im Alltag aber sehr praktisch: Wer das Schema einmal verstanden hat, kann aus jeder Lagernummer die wichtigsten technischen Daten ablesen, ohne den Katalog aufzuschlagen.
Ein vollständiger Lagercode besteht aus drei Blöcken:
Vorsetzzeichen — Baureihe & Bohrung — Nachsetzzeichen.
Beispiel 6204-2RS-C3:
6steht für die Lagerart (einreihiges Rillenkugellager)2ist die Maßreihe (Außendurchmesser- und Breitenklasse)04ist die Bohrungskennzahl — bei Werten von 04 bis 96 multipliziert man sie mit 5, hier also 20 mm Wellendurchmesser2RSheißt: zwei berührende Dichtungen aus Gummi, beidseitigC3bezeichnet erweitertes Lagerspiel, etwa für höhere Drehzahlen oder Wärmedehnung
Die ersten Ziffern sind also die Bauform, die Mitte ist Geometrie, und alles, was hinten dranhängt, beschreibt Ausführungsdetails. Genau bei diesen Details fängt der eigentliche Knackpunkt an — denn jeder Hersteller kocht hier ein bisschen sein eigenes Süppchen. Bevor wir aber dorthin kommen, lohnt sich ein Blick auf den allerersten Teil: die Baureihe.
Baureihen-Tabelle: Was die ersten Ziffern (oder Buchstaben) verraten
Die führenden Zeichen einer Lagerbezeichnung sagen, mit welcher Lagerart man es zu tun hat. 62 ist ein einreihiges Rillenkugellager, NU22 ein Zylinderrollenlager, QJ ein Vierpunktlager. Die folgende Tabelle deckt die im Lieferprogramm üblichen Baureihen ab und ist nach Lagerart gruppiert — so findet man die richtige Zeile schneller, als wenn alles streng numerisch sortiert wäre.
Rillenkugellager und Schrägkugellager
Baureihe | Lagertyp |
|---|---|
60, 62, 63, 64, 160, 161, 622, 623, 630 | Rillenkugellager, einreihig (verschiedene Maßreihen, ZZ und 2RS-Varianten verfügbar) |
607…699 | Kleinrillenkugellager unter 10 mm Bohrung (auch ZZ und 2RS) |
6800 = 618, 6900 = 619 | Rillenkugellager, Dünnring (auch ZZ und 2RS) |
42, 43 | Rillenkugellager, zweireihig |
72, 73 | Schrägkugellager, einreihig (auch BG) |
718 | Schrägkugellager |
52 | Schrägkugellager (ZZ, auch 2RS) |
30, 32, 33, 38 | Schrägkugellager, zweireihig (auch ZZ und 2RS) |
BO, E, L | Schulterkugellager |
QJ | Vierpunktlager |
Pendelkugel- und Pendelrollenlager
Baureihe | Lagertyp |
|---|---|
12, 13, 22, 23 (auch K und 2RS) | Pendelkugellager |
108…135 | Pendelkugellager |
112, 113 | Pendelkugellager mit breitem Innenring |
213 | Pendelrollenlager |
222, 223, 230, 231, 232, 239, 240, 241 | Pendelrollenlager |
Kegelrollen- und Zylinderrollenlager
Baureihe | Lagertyp |
|---|---|
302, 303, 320, 322, 313, 323, 331, 332 | Kegelrollenlager |
N, NJ, NU, NUP (jeweils 2, 3, 10, 22, 23) | Zylinderrollenlager, einreihig (Vorsetzbuchstabe gibt Bordausführung an) |
SL-04 | Zylinderrollenlager |
Axiallager
Baureihe | Lagertyp |
|---|---|
511, 512, 513, 514, 522, 523, 532, 533 | Axial-Rillenkugellager, einseitig |
AKL | Axial-Rillenkugellager unter 100 mm Bohrung |
811, 812 (mit K-, GS-, WS-Komponenten) | Axial-Zylinderrollenlager (Lager, Käfig, Gehäuse- und Wellenscheiben) |
893 | Axial-Zylinderrollenlager |
AS | Axial-Lagerscheiben |
AXK | Axial-Nadelkränze |
AXW | Axial-Nadellager mit zentrierender Scheibe |
NX | Nadel-Axial-Kugellager |
NKX | Nadel-Axial-Kugellager |
NKXR | Nadel-Axial-Zylinderrollenlager |
Nadellager und Stützrollen
Baureihe | Lagertyp |
|---|---|
NA48, NA49, NA69 | Nadellager mit Innenring |
NAO | Nadellager ohne Borde, mit Innenring |
NK, NKI, NKS, NKIS | Nadellager (mit/ohne Innenring) |
RNA48, RNA49, RNA6 | Nadellager ohne Innenring |
RNAO | Nadellager ohne Borde, ohne Innenring |
RPNA | Einstell-Nadellager |
HK (auch RS und 2RS) | Nadelhülsen, auch abgedichtet |
BK (auch RS) | Nadelbüchsen |
K- | Nadelkränze |
NKIA, NKIB | Nadel-Schrägkugellager |
NA22…-2RS, RNA22-2RS | Stützrolle |
NATR, NATV, NUTR | Stützrollen mit Axialführung |
RSTO, STO | Stützrollen ohne Axialführung |
KR, KRV, KRE, KRVE, KUKR | Kurvenrollen, mit Axialführung |
NUKR | Kurvenrollen |
Linear- und Gelenklager
Baureihe | Lagertyp |
|---|---|
KH, KH..P, KH..PP | Kugelhülsen |
LBE | Kugelbüchsen |
GE | Gelenklager (Radial-, Axial-, Schräg-) |
GU | Gelenklager |
GAR, GAL | Gelenklager mit Außengewinde (R = Rechts-, L = Linksgewinde) |
GIR, GIL | Gelenklager mit Innengewinde |
GAKFR, GAKFL | Gelenkköpfe mit Außengewinde |
GIKFR, GIKFL | Gelenkköpfe mit Innengewinde |
GIPFR, GIPFL | Gelenkköpfe mit Innengewinde |
GF, GK | Hydraulik-Gelenkköpfe |
GIHR, GIHL, GIHN, GIHO | Hydraulik-Gelenkköpfe |
Zubehör und Gehäuse
Bezeichnung | Bauteil |
|---|---|
AH3, AH23, AHX31, AHX3 | Abziehhülsen |
H2, H3, H23, H30, H31 | Spannhülsen |
KM | Wellenmuttern |
MB | Sicherungsbleche |
IR, LR | Innenringe |
LR 50, LR 52, LR 53, LR 60, LR 6, LR 2 | Laufrollen |
LS | Laufscheiben |
FR | Festringe |
FI | Filzringe |
G, SD | Dichtringe für Nadellager |
HF, HFL | Hülsenfreiläufe |
F-5 | Flanschlagergehäuse |
I-1200 = F112 | Flanschlagergehäuse |
SN, SNA | Stehlagergehäuse, geteilt (Guss) |
TN | Stehlagergehäuse, ungeteilt (Guss) |
Eine kleine Eigenheit am Rande: Die Schreibweisen 6800 = 618 und 6900 = 619 sind keine Tippfehler. Es handelt sich um dieselbe Lagerreihe — historisch unter zwei Bezeichnungen geführt. In Katalogen tauchen beide Varianten auf, gemeint ist aber jeweils dasselbe Dünnringlager.
Die Tücken der Hersteller-Kürzel
Solange es um Bauform und Bohrungskennzahl geht, sprechen FAG, SKF, NSK und Co. dieselbe Sprache. Bei den Nachsetzzeichen wird's bunt. Eine beidseitig berührende Dichtung heißt bei SKF und FAG 2RS (oder 2RSR), bei NSK schreibt man DDU, bei Koyo 2RS oder 2RK, bei NACHI 2NSL und bei NTN LLU. Inhaltlich dasselbe — vom Code her vier verschiedene Welten.
Das Ding ist: In der Praxis kauft man nicht immer beim selben Hersteller. Wenn ein FAG-Lager ausgetauscht werden soll, das alte aber gerade nicht lieferbar ist, muss man wissen, welches NSK- oder NTN-Pendant funktional dasselbe macht. Genau dafür gibt es die Vergleichstabelle weiter unten. Sie übersetzt zwischen den Welten — Eigenschaft für Eigenschaft, Hersteller für Hersteller.
Die wichtigsten Nachsetzzeichen im Überblick
Bevor Sie in die große Tabelle einsteigen, hier die Kürzel, die im Alltag mit Abstand am häufigsten auftauchen. Wer sie auswendig kennt, liest 80 Prozent aller Bezeichnungen ohne Nachschlagen.
Dichtungen und Deckscheiben
Z/2Z(auchZZ): einseitig bzw. beidseitig durch Metallscheibe abgedeckt — Schutz gegen groben Schmutz, kein WasserschutzRS/2RS(FAG:RSR/2RSR): einseitig bzw. beidseitig berührende Gummidichtung — schützt zusätzlich vor FeuchtigkeitBRS/2BRS: berührungsfreie Labyrinthdichtung — minimaler Reibwiderstand, Standard bei FAG Generation C
Lagerluft (radiales Spiel)
C2: kleiner als NormalspielCN(oder weggelassen): NormalspielC3: größer als Normalspiel — sehr häufig bei Elektromotoren, höherer Drehzahl, WärmeausdehnungC4,C5: noch größeres Spiel, meist Sonderanwendung
Käfigwerkstoff
J: Stahlblechkäfig (häufig Standard)M(oderMA,M1): Messingmassivkäfig — robust, hochbelastbarTVH,TVP,TN,TNH: Polyamid- oder PEEK-Käfige für hohe Drehzahlen oder Sonderanforderungen
Toleranz / Genauigkeitsklasse
P0oderPN: Normaltoleranz (wird oft nicht angegeben)P6,P5,P4: zunehmend höhere Maß- und Laufgenauigkeit nach ISO
Damit lässt sich der Großteil aller in Werkstatt und Konstruktion auftauchenden Bezeichnungen bereits entschlüsseln. Für alles, was darüber hinausgeht — Käfigsondervarianten, Schmiernuten, Schwingsiebausführungen, herstellerspezifische Codes — hilft die Vergleichstabelle.
Bohrungskennzahl: Der Code für die Wellendurchmesser
Eine kleine Sache, die immer wieder für Verwirrung sorgt: die zwei Stellen direkt vor den Nachsetzzeichen. Bei einem Lager 6204 sind das die Ziffern 04. Sie geben den Wellendurchmesser in einem speziellen Code an — nicht direkt in Millimetern.
Die Logik ist gestaffelt:
- Bohrungskennzahl
00= 10 mm 01= 12 mm02= 15 mm03= 17 mm- ab
04aufwärts: Bohrungskennzahl × 5 = Wellendurchmesser in mm
Ein 6204 hat also 20 mm Bohrung, ein 6307 hat 35 mm, ein 6212 hat 60 mm. Sonderdurchmesser wie 28 oder 32 mm werden mit einem vorangestellten Schrägstrich angegeben, etwa 60/28. Klingt erstmal kompliziert, ist aber durchgängig logisch — und mit etwas Übung läuft das Umrechnen automatisch im Kopf mit.
Vorsetzzeichen — die seltener genutzten Codes
Vor der eigentlichen Lagernummer steht manchmal noch ein Buchstabe oder eine Buchstabenkombination. Diese Vorsetzzeichen sind seltener, aber im Spezialfall wichtig:
Rbei FAG: Innen- oder Außenring einzelnKbei NSK und FAG: Kegelrollenlager-AußenringWS/GS: Wellen- bzw. Gehäusescheibe bei Axial-RillenkugellagernHRbei NSK: ursprüngliches NSK-VorsetzzeichenLR: Lager mit Spannhülse
Wer ein Lager im Katalog nicht findet, sollte zuerst prüfen, ob das Vorsetzzeichen vielleicht weggelassen oder ergänzt wurde — das ist eine der häufigeren Fehlerquellen bei der Suche.
Wann sich der Blick in die Vergleichstabelle wirklich lohnt
Drei Situationen treten in der Werkstatt immer wieder auf:
Erstens: Ersatzbeschaffung mit Markenwechsel. Das alte Lager ist FAG, lieferbar ist nur NSK. Man braucht das funktional identische Gegenstück, nicht die nominell ähnliche Nummer.
Zweitens: Konstruktionsfreigabe. Im Lastenheft steht ein bestimmter Hersteller, in der Stückliste taucht ein anderer auf. Stimmen die Spezifikationen wirklich überein, oder ist das nur optisch ähnlich?
Drittens: Datenblatt-Übersetzung. Ein japanischer Maschinenbauer liefert mit Koyo-Lagern, der europäische Service tauscht gegen SKF. Damit es passt, müssen die Nachsetzzeichen sauber gematcht werden.
In all diesen Fällen erspart die Tabelle weiter unten viel Sucherei in Katalogen und Datenblättern. Sie ersetzt natürlich nicht das technische Datenblatt für Grenzfälle — aber für die saubere Erstidentifikation ist sie das schnellste Werkzeug, das wir kennen.
Häufige Fragen zu Kugellager-Bezeichnungen
Was bedeutet 2RS bei einem Kugellager?
2RS steht für eine beidseitige, berührende Dichtung — meist aus Nitril-Kautschuk (NBR). Das Lager ist damit gegen Staub und Spritzwasser geschützt und ab Werk für die gesamte Lebensdauer gefettet. Bei FAG findet sich häufig die Variante 2RSR, inhaltlich dasselbe.
Was ist der Unterschied zwischen 2RS und ZZ?
ZZ (auch 2Z) sind beidseitige Metalldeckscheiben. Sie schützen gegen groben Schmutz, lassen das Lager aber „atmen" — Wasser oder feiner Staub kommen durch. 2RS mit Gummidichtung ist dichter, hat aber etwas mehr Reibung und damit eine niedrigere Drehzahlgrenze. Faustregel: ZZ bei sauberen, trockenen, schnellen Anwendungen; 2RS bei Feuchtigkeit oder Schmutz.
Was bedeutet C3 bei Kugellagern?
C3 bezeichnet ein gegenüber der Norm vergrößertes Radialspiel. Eingesetzt wird es vor allem dort, wo das Lager im Betrieb thermisch belastet ist — Elektromotoren, Pumpen, Lager mit Presspassung. Das größere Anfangsspiel wird durch die Wärmedehnung des Innenrings im Betrieb auf Normalspiel reduziert.
Was heißt P5 oder P6 bei einem Lager?
Beides sind ISO-Toleranzklassen für Maß- und Laufgenauigkeit. P6 ist genauer als die Normaltoleranz P0, P5 nochmals genauer, P4 und P2 sind höchste Präzisionsklassen. In Werkzeugmaschinenspindeln oder bei hochdrehenden Anwendungen sind P5 oder besser üblich, im allgemeinen Maschinenbau reicht meist P0.
Wie finde ich heraus, ob zwei Lager unterschiedlicher Hersteller identisch sind?
Bauform und Hauptmaße müssen übereinstimmen — also etwa beide 6204. Bei den Nachsetzzeichen hilft die Vergleichstabelle: 2RS (FAG) entspricht funktional DDU (NSK), 2NSL (NACHI) und LLU (NTN). Bei Sonderausführungen wie verstärkten Innenringen oder Schwingsiebausführungen lohnt sich vor dem Tausch zusätzlich ein Blick ins Datenblatt — kleine Unterschiede gibt es manchmal trotzdem.