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Wälzlager schmieren und fetten: Schmierfette, Intervalle und typische Fehler

Rund 36 Prozent aller vorzeitigen Wälzlagerausfälle gehen auf unzureichende oder falsche Schmierung zurück — und das, obwohl Schmierung der vermutlich am meisten unterschätzte Hebel für die Lagerlebensdauer ist. Wer im Service oder in der Instandhaltung steht, kennt das Bild: ein zuvor unauffälliges Lager pfeift, knirscht, läuft heiß. Innerhalb weniger Tage geht das von "fällt langsam auf" zu "Maschine steht". Ein Großteil dieser Fälle ließe sich mit dem richtigen Schmierfett, der richtigen Menge und dem richtigen Intervall vermeiden.

Warum Schmierung über Lebensdauer entscheidet

Im Wälzlager liegt zwischen Wälzkörper und Laufbahn ein Schmierfilm von weniger als einem Mikrometer Dicke. Dieser Film übernimmt im Betrieb fünf Aufgaben gleichzeitig:

  • Trennen der Metalloberflächen, sodass kein direkter Kontakt zwischen Wälzkörper und Lagerlaufbahn entsteht
  • Abführen der Wärme, die durch innere Reibung und Lastübertragung im Lager entsteht
  • Korrosionsschutz auf den hochwertigen Lagerstahl-Oberflächen
  • Abdichtung gegen Schmutz, Staub und Feuchtigkeit von außen
  • Dämpfung von Schwingungen und Geräuschen

Bricht der Schmierfilm zusammen — sei es durch Verschmutzung, Alterung, falsche Fettmenge oder schlicht zu lange Wartungspausen — fängt der Wälzkörper an, direkt auf der Laufbahn zu reiben. Die Folgen sind Mikroriefen, Materialermüdung, schnellerer Verschleiß und am Ende der Totalausfall.

Öl oder Fett — die erste Grundsatzentscheidung

Mit Abstand die häufigste Schmierform für Wälzlager ist das Schmierfett. Über 90 Prozent aller industriell verbauten Wälzlager arbeiten mit Fettschmierung. Ölschmierung kommt zum Einsatz, wo Fett an seine Grenzen stößt — vor allem bei sehr hohen Drehzahlen, sehr hohen Temperaturen oder wenn die Schmierstelle ohnehin von einer Ölumlaufanlage versorgt wird (zum Beispiel im Getriebe).

Eigenschaft

Schmierfett

Schmieröl

Abdichtung der Lagerstelle

sehr gut, Fett dichtet selbst gegen Schmutz und Wasser

aufwendige Konstruktion nötig

Wartungsaufwand

gering, lange Wechselfristen oder Lebensdauerschmierung

höher, kürzere Intervalle

Drehzahlbereich

breit, aber begrenzt nach oben

sehr hoch geeignet

Wärmeabfuhr

begrenzt

sehr gut, Öl kann Kühlfunktion übernehmen

Reibmoment im Anlauf

niedrig

nochmal niedriger

Konstruktiver Aufwand

gering

hoch (Ölbehälter, Pumpe, Filter, Dichtungen)

Verschleißprodukte

bleiben im Lager

werden mit dem Öl abgeführt

Wer in eine Standard-Anwendung mit moderater Drehzahl und Temperatur baut, nimmt Fett. Wer bei Drehzahlen über etwa 60 Prozent der Lager-Grenzdrehzahl arbeitet oder dauerhaft über 100 Grad Celsius operiert, sollte Ölschmierung prüfen.

Schmierfette verstehen: NLGI-Klassen und Grundöl

Schmierfette sind keine Magie, sondern eine Mischung aus drei Bestandteilen: einem Grundöl (mineralisch oder synthetisch), einem Verdicker (meistens eine Metallseife wie Lithium-, Calcium- oder Natriumseife, manchmal Polyharnstoff) und Additiven (für Korrosionsschutz, Hochdruckverhalten, Oxidationsschutz). Das Grundöl liefert die eigentliche Schmierwirkung, der Verdicker hält das Fett am Ort und gibt das Öl bei Bedarf frei, die Additive optimieren auf die Anwendung.

Die Konsistenz eines Fetts wird über die NLGI-Klasse beschrieben — eine Skala nach DIN 51818, die von 000 (sehr weich, fast flüssig) bis 6 (hart, fast wachsig) reicht. Für die meisten Wälzlager-Anwendungen kommen NLGI 1, 2 oder 3 in Frage, wobei NLGI 2 der Standardfall ist. Niedrigere Klassen sind weicher und besser pumpfähig in Zentralschmieranlagen, höhere Klassen halten besser bei senkrechten Wellen oder rotierendem Außenring.

Die zweite kritische Größe ist die Grundöl-Viskosität. Faustregel: hohe Belastung und niedrige Drehzahl brauchen hohe Viskosität, hohe Drehzahl und niedrige Last brauchen niedrige Viskosität. Bei Standard-Anwendungen liegen typische Grundöl-Viskositäten zwischen ISO VG 68 und ISO VG 220 bei 40 °C.

Welches Fett für welche Bedingung — Orientierungstabelle

Für die schnelle Orientierung im Service-Alltag eine Übersicht der typischen Fett-Eigenschaften nach Einsatzbedingung:

Bedingung

Empfohlenes Fett

Standardanwendung mittlere Drehzahl, normale Temperatur

NLGI 2 mit Lithiumseife, Mineralöl-Grundöl

Hohe Drehzahl bei niedriger Last

NLGI 1 oder 2 mit niedrigviskosem Grundöl, ggf. Synthetik

Geringes Laufgeräusch (Lüfter, Audiotechnik)

NLGI 1 oder 2 mit hochviskosem Grundöl

Schräge oder senkrechte Lagerachse

NLGI 2 oder 3, haftfähig

Drehender Außenring, stehender Innenring

NLGI 3 oder 4, hoher Verdickeranteil

Hohe Temperatur (über 120 °C dauerhaft)

Polyharnstoff-Verdicker oder Synthetik-Fett, rückstandsfrei

Tiefe Temperatur (unter -20 °C)

NLGI 1 oder 2, Synthetik-Grundöl

Staubige Umgebung

NLGI 3, gute Verdrängungseigenschaften

Spritzwasser oder Feuchtigkeit

wasserabweisendes Calciumsulfonat- oder Lithiumkomplex-Fett

Stoßbelastung, hohe Last

EP-Fett (Extreme Pressure) NLGI 2 mit Hochdruck-Additiven

Lebensdauerschmierung gefordert

walkstabiles Fett der Klasse 2, hoher Oxidationsschutz

Lebensmittelkontakt-Risiko

NSF-H1-zertifiziertes Fett

Die Tabelle ist ein Startpunkt — bei kritischen Anwendungen lohnt der Blick in die Auswahlhilfen der etablierten Schmierstoffhersteller wie Klüber, Total, Mobil, Castrol oder Fuchs. Die Datenblätter geben für jedes Fett konkrete Drehzahl-, Temperatur- und Lastgrenzen vor.

Wieviel Fett ist richtig — und wann nachschmieren?

Eine der häufigsten Schmierungsfragen im Service ist: Wieviel Fett gehört rein? Die kurze Antwort: weniger, als die meisten denken. Bei Erstbefettung soll der freie Lagerraum etwa zu 30 bis 50 Prozent mit Fett gefüllt sein. Bei niedrigen Drehzahlen darf es etwas mehr sein, bei hohen Drehzahlen muss es deutlich weniger sein — sonst entsteht Walkarbeit, die das Fett überhitzt und vorzeitig altert.

Beim Nachschmierintervall hängt alles an Drehzahl, Temperatur und Lagerart. Eine grobe Faustformel für Standardanwendungen mit Standardfetten:

  • Geringe Drehzahl, normale Temperatur: 2.000 bis 8.000 Betriebsstunden zwischen Nachschmierungen
  • Mittlere Drehzahl, normale Temperatur: 1.000 bis 4.000 Betriebsstunden
  • Hohe Drehzahl oder Temperatur über 80 °C: 500 bis 2.000 Betriebsstunden, oft kürzer
  • Pro 15 °C über 70 °C halbiert sich das Intervall

Wer es genauer braucht, nutzt die Berechnungstools der Lagerhersteller (Schaeffler BEARINX, SKF Bearing Calculator) oder rechnet mit der ndm-Kennzahl (Drehzahl × mittlerer Lagerdurchmesser).

Die Nachschmiermenge ist wieder weniger, als man denkt. Eine bewährte Faustregel: 0,005 × D × B Gramm Fett, wobei D der Außendurchmesser und B die Lagerbreite in Millimetern ist. Für ein typisches Lager mit 80 mm Außendurchmesser und 18 mm Breite wären das also etwa 7 Gramm Fett pro Nachschmierung — eine kleine Menge, die viele Praktiker beim ersten Mal überrascht.

Typische Schmierungsfehler in der Praxis

Wer Lagerausfälle in der Werkstatt regelmäßig zerlegt, sieht immer wieder dieselben Fehler. Die fünf häufigsten:

Zu viel Fett. Überfettete Lager überhitzen, weil das Fett ständig durchgewalkt wird. Folge: Verkokung des Fetts, Blockade der Wälzkörper-Bewegung, schneller Ausfall. Bei hohen Drehzahlen ist Überfettung gefährlicher als Unterfettung.

Falsches Fett gemischt. Lithium- und Calciumseifen vertragen sich nicht; Polyharnstoff und konventionelle Seifen erst recht nicht. Wer beim Nachschmieren nicht weiß, womit das Lager ursprünglich befüllt wurde, riskiert Inkompatibilität — das Fett bricht zusammen, der Schmierfilm reißt.

Zu lange Intervalle. Schmierfette altern oxidativ, das Grundöl verdunstet, die Konsistenz wird hart. Lebensdauerschmierung ist eine schöne Idee, funktioniert aber nur bei moderaten Bedingungen.

Verschmutzung beim Nachschmieren. Schmierpresse, Nippel und Werkzeug müssen sauber sein. Ein einziger Schmutzpartikel zwischen Wälzkörper und Laufbahn führt zu Mikroriefen, die sich über Wochen zu Materialermüdung entwickeln.

Falsche Konsistenzklasse für die Lage. NLGI 0 oder 1 in einem senkrecht stehenden Lager läuft heraus, NLGI 4 in einem schnell drehenden Spindellager überhitzt. Beides ist im Field schon gesehen worden — und beides ist vermeidbar.

Wo passende Schmierfette und passende Lager zusammengeführt werden

Schmierung ist nur ein Teil der Lager-Lebensdauer-Gleichung — die Bauform spielt mindestens genauso mit. Welche Bauform welche Schmierungsanforderungen hat, steht in der vollständigen Übersicht aller Wälzlager-Arten. Wer für seine Anwendung das passende Lager sucht, findet im Wälzlager-Sortiment mit Filter nach Bauform und Drehzahlbereich das richtige Modell mit Datenblatt und Lieferzeit. Bei der Lager-Erstauswahl gehört die Schmierfilm-Frage immer dazu — sonst stimmt die Auslegung nicht. Hier finden Sie unseren Online-Rechner für die Schmierfettauslegung von Wälzlagern. Tieferes Verständnis dazu, was im Lager überhaupt passiert und warum Rollkontakt besser als Gleitkontakt ist, gibt es im Vergleich Wälzlager vs. Gleitlager und in der Übersicht zu Aufbau und Funktion von Wälzlagern.

Fragen & Antworten

Häufige Fragen

Mit dem passenden Schmierstoff (Standard: NLGI 2 Lithiumfett mit Mineralöl-Grundöl), in der richtigen Menge (etwa 30 bis 50 Prozent des freien Lagerraums bei Erstbefettung) und im passenden Intervall (typisch 2.000 bis 8.000 Stunden bei Standardbedingungen, deutlich weniger bei hohen Drehzahlen oder Temperaturen). Beim Nachschmieren immer mit sauberem Werkzeug arbeiten und keine inkompatiblen Fettsorten mischen.

Der weitaus überwiegende Anteil aller Wälzlager wird mit Schmierfett geschmiert (NLGI 2 mit Lithiumseife oder Lithiumkomplex als häufigste Variante). Schmieröl kommt bei sehr hohen Drehzahlen, sehr hohen Temperaturen oder bei Anbindung an eine Ölumlaufanlage zum Einsatz. Festschmierstoffe sind Sonderfälle für Vakuum-, Strahlungs- oder extreme Temperaturanwendungen.

Bei Standardbedingungen liegen Nachschmierintervalle zwischen 2.000 und 8.000 Betriebsstunden. Pro 15 °C über 70 °C halbiert sich das Intervall, bei hohen Drehzahlen ebenfalls. Lebensdauergeschmierte Lager (oft mit Dichtscheiben, gekennzeichnet mit 2RS oder 2Z) brauchen unter normalen Bedingungen gar keine Nachschmierung — bis sie das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben.

Fünf Aufgaben gleichzeitig: Trennung der Metalloberflächen, Wärmeabfuhr aus der Reibstelle, Korrosionsschutz, Abdichtung gegen Schmutz und Feuchtigkeit, Dämpfung von Schwingungen und Geräuschen.

Wenn die Drehzahl über etwa 60 Prozent der Lager-Grenzdrehzahl liegt, bei Temperaturen dauerhaft über 100 °C oder wenn die Lagerstelle ohnehin Teil eines Ölkreislaufs ist (Getriebe, Hydrauliksysteme). Öl kühlt besser, dichtet aber schlechter ab und braucht eine aufwendigere Konstruktion mit Pumpe, Filter und Dichtungen.

Bei Dauertemperaturen über 120 °C kommen Polyharnstoff-verdickte Fette oder synthetische Hochleistungsfette zum Einsatz. Wichtig ist eine rückstandsfreie Verdampfung — sonst verkoken die Reststoffe im Lager und blockieren die Bewegung. Die Schmierstoffhersteller geben in den Datenblättern den oberen Temperaturbereich konkret an.

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